FILM-LECTURE STADTKINO BASEL
HANSMARTIN SIEGRIST: Screening the Phone: Wie das Telefon ins Kino kam
So nah und doch so fern, so wirklich und dennoch vermittelt, so tief einflüsternd über weite Distanzen, so einfach und doch so verschachtelt: Die Erlebnisräume von Telefon und Kino, der beiden prototypischen technischen Medien der Moderne, haben sich – schon seit ihren Anfängen – stark durchdrungen. In seiner einleitenden Film-Lecture diskutiert Hansmartin Siegrist die technischen Weiterentwicklungen dieser beiden Medien. Vor allem aber zeigt er die dramaturgische Kraft des Telefons im Film auf – die sich dann am schönsten manifestiert, wenn Liebesgeflüster Drähte heiss laufen lässt und Dämonen sich aus dem Handy-Äther durchwählen: ins Kino, wo jedes Telefon ein rotes ist und jede falsche Nummer die richtige...
PANEL I: MEDIA ANTHROPOLOGY
GÜNTER BADER: Inkarnation/Exkarnation. Einige Beziehungen zwischen Theologie und Mediologie
In kritischem Bezug auf Sybille Krämers 'Medium, Bote, Übertragung, Ffm 2008, werden Gesichtspunkte zu einer 'Kleinen Theologie der Medialität' zusammengetragen.
I. Ist Mediologie eine implizite Theologie?
Über Boten, Apostel, Episteln, Engel; jedoch auch über Schwierigkeiten mit den Themen Inkarnation und Trinität.
II. Ist Theologie eine implizite Mediologie?
Über Mittler (mediator) und Mittel (media) als Begriffe ältester
systematischer Theologie.
III. Mediologie als Quasitheologie
Ausgang von den bekannten zwei Medienbegriffen, und Entwicklung eines dritten unter kräftiger Beihilfe von Dekonstruktion und negativer Theologie.
IV. Theologie als Quasimediologie: Inkarnation/Exkarnation
1. Theologische Kritik der Mediologie: der Gesichtspunkt des interior intimo meo und des exterior extremo meo.
2. Mediologische Kritik der Theologie: Inkarnation kann ohne
überwiegende 'Exkarnation' nicht gedacht werden.
SIMONE BERNET: Telekommunikation und ihr mythischer Hintergrund: Notizen zur medienphilosophischen Vernunft der Telepathie
Was in der Funk- und Fernmeldetechnik eine bleibende Zukunftsvision ist, könnte sich dem Fortschrittsglauben trotzend seit jeher verwirklicht haben. Der Telepathie - einem "drahtlosen Telefon" ganz anderer, paranormaler Natur - sind hinsichtlich Geschwindigkeit, Reichweite der Übertragung, des Austauschs mit Abwesenden sowie des Informationsgehalts nahezu keinerlei Grenzen gesetzt. Die telepathische Empfänglichkeit, die sich weniger der nur technischen Innovation als denn einer verfeinerten Fühlungskraft und überbordenden Sehnsucht verdankt, irritiert indes den aufgeklärten gesunden Menschenverstand. Dennoch häufen sich gegenwärtig die Anbieter des Hellsehens und Wahrsagens im zukunftsträchtigen Kommunikationsraum des Internets und überbieten in telepathischer Weise die elektronischen Möglichkeiten, diese nutzend und parallel dazu. Obschon sich Sigmund Freud zu dieser mythischen Form der Verständigung mit Lebenden und Toten sowohl als Analytiker des Unbewussten als auch aufgrund von "außerpolitischen Rücksichten" zurückhaltend verhielt, lehnte er den neuzeitlichen Glauben an die Tatsachen ihrer Existenz dennoch nicht ab. Der Vortrag folgt den innerhalb der Psychoanalyse und der Philosophie herrschenden Faszination einem Phänomen gegenüber, das sich wissenschaftlich Erklärungsansätzen gegenüber überwiegend als betrügerisch erwies, so doch gängige Selbstverständnisse, Vorstellungen und Wertmassstäbe im Bereich des Kommunizieren nicht nur bekräftigte, sondern selbst noch in grundlegender Weise in Frage zu stellen vermochte. Ausgehen davon wird aufgezeigt, inwiefern das so gesehen kritische Potential der Telepathie, ihrem schlechten Ruf entgegen, durchaus mit den seit Immanuel Kant erhobenen philosophischen Ansätzen des Vernunftglaubens einhergeht.
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PANEL II: TELE-ARCHEOLOGY
FRANK HAASE: Die Entschriftung von Welt - Telephonie
Im Jahre 1876 führte die Erfindung des Telephons durch den Taubstummenlehrer Alexander Graham Bell zu einem Paradigmenwechsel innerhalb des telekommunikativen Apriori, was zur Folge hatte, dass die Schnittstellen zwischen Mensch, Medium und Code neu bestimmt werden mussten, weil die traditionellen postalischen wie telekommunikativen Verhältnisse nicht hinreichten, das radikal Neue schriftloser Übertragung begreifen zu können. Mit der Telephonie hatte die Ent-Schriftung von Welt begonnen, was unmittelbar zur Folge hatte, dass Perzeption und Rezeption des Menschen in den Mittelpunkt des Interesses und auf den Prüfstand von Physiologie, Psychologie, Philosophie und Sprachwissenschaften rückten.
Erst im Zuge dieser zweiten telekommunikativen Revolution erhielt der Mensch die Aufgabe zugesprochen, sich seine Welt zu schaffen, weil seine Begegnung mit Welt ihrem Wesen nach Zeichen- und Sinnstiftung heißt. Mit anderen Worten: Die telekommunikative Sende- und Empfangsstation Mensch, wie sie um 1800 inauguriert wurde, wird zu Anfang des 20. Jahrhunderts um die Dimension der Zeichen- und Sinnstiftung erweitert. Die Menschmaschine erfährt ihre Bestimmung als signal processing machine - als Datenverarbeitungsmaschine.
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CLEMENS SCHUSTER: Sender-Empfänger-Botschaft? Wie durch ein aristophanisch-komisches Orakel (Ritter 960-1099) Tele-Kommunikation scheitert
In diesem Teil des epirrhematischen Agons wird der Streit zwischen dem Paphlagonier (scil. Kleon) und dem Wursthändler – anders als erwartbar – ausschließlich indirekt über Demos ausgetragen, da die beiden Kontrahenten mit Demos als Schiedsrichter sprechen, sich aber nicht persönlich adressieren.
Das Mittel der Wahl sind Orakel, die allerdings als autoritative Aussagen zweckentfremdet werden, indem sie gegen ihre Bestimmung und von unbefugten Personen benutzt werden. Beide verhalten sich in ihrer Sprechhaltung so, als ob kein Dritter anwesend wäre und geben sich als komisch-falscher Experten aus. Wesentlich ist, dass die formalen Kriterien eines Orakel-Verkünders, des Ratsuchenden und des Interpreten erfüllt sind, aber komisch up-side-down gestellt werden. Bereits die Orakelsprüche selbst stehen – auch in ihrer Sinnlosigkeit – an dieser Stelle für das Scheitern der intendierten Tele-Kommunikation.
Innerhalb des Plots muss Demos als Schiedsrichter am Ende den Wursthändler als den besseren Propheten zum Sieger erklären, doch liegt für die Rezipienten der Schlüssel zur Auflösung der Szenen gerade darin, dass der Wursthändler als fiktive Hypostasierung aller schlechten Eigenschaften des Paphlagoniers (scil. Kleon) erscheint. Ein Bühnendialog zwischen drei Personen erklärt sich schlussendlich als Dialog der stets implizit vorhandenen Persönlichkeit des Kleon mit sich selbst, der zur Desavouierung jeglicher (vorgeblicher) Ernsthaftigkeit wird.
SHINTARO MIYAZAKI: AlgoRHYTMEN überall. Entwurf einer Medienarchäologie eines ubiquitären Alltagsmediums
Die Ubiquität von Mobiltelefonie ist nicht mehr zu bezweifeln, denn durch die zunehmende Verbesserung der kabellosen Datenübertragung und die Miniaturisierung von Computertechnologie lösen Mobiltelefone zunehmend das Leitmedium der letzen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts genannt Computer ab und etablieren sich zur einer prägenden Medientechnologie des frühen 21. Jahrhunderts. Durch den prototypischen Bezug zum Operativen und Performativen, das heisst zum Prozessualen durch die Sprach- und Klangübertragung, denn Klang ist immer in der Zeit, bietet das Medium Telefon einen hervorragenden Einstieg für eine akustisch geprägte Medienarchäologie. Das Konzept des "Algorhythmus" bietet dabei eine heuristische Gedankenstruktur, um die unhörbare Kakofonie ubiquitärer Medienoperationen medientheoretisch zu fassen.
PANEL III: THE CALL - MEDIA-PHILOSOPHICAL REVISIONS
ALEXANDER ROESLER: Das Persönliche des Handys
Medien und ihr Gebrauch verändern unser Verständnis wichtiger philosophischer Begriffe. Deutlich lässt sich das am Begriffspaar "öffentlich/privat" ersehen, das durch das Handy eine ganz neue und spezifische Erweiterung erfahren hat. In dem Vortrag soll nun untersucht werden, inwiefern auch der Begriff des "Persönlichen" durch das Handy eine neue Akzentuierung erhält. Ausgangspunkt ist zunächst die These, dass das Handy nicht etwa den PC ablöst, sondern eigentlich der PC ist - wie er Anfang der 1970er Jahre imaginiert worden ist. Aus den damaligen technischen Utopien lassen sich Kriterien des "Persönlichen" des PCs und mithin des Handys gewinnen, die - in Verbindung mit den neuen Features der Smartphones - tatsächlich eine Neubestimmung dessen zeigen, was unter dem "Persönlichen" zu verstehen ist.
STEFAN MÜNKER: Post telephonis. Wie Ernst Jünger erst das iPhone erfand und dann doch nicht
Die Ära des Telefons ist vorbei. Doch schon während sie noch begann, entstanden Utopien seiner Überwindung. Im kritischen Rückgriff auf den literarischen Vorgriff in die vergangene Zukunft der Telefonie zeigen sich überraschende Parallelen zur tatsächlichen Entwicklung. Es zeigt sich aber auch, dass sich die Zukunft von Medien nicht wirklich denken lässt, weil sich der Eigensinn, den wir im Gebrauch ihnen verleihen, sich nicht spekulativ vorwegnehmen lässt.
PANEL IV: PERFORMATIVE ARTS
JÖRG WIESEL: Call Cutta. Überlegungen zur Telephonie im Theater der Gegenwart
Jörg Wiesel (Basel) musste kurzfristig absagen
CHRISTOPH MENEGHETTI: Intervention: Intimität zwischen Mouth-to-mouth und Ferngespräch
Im Raum steht die Frage: was fasziniert an der Stimme ohne Körper? Technische Mittel der Telekommunikation, wie z.B. Skype, helfen nicht nur, Distanzen zu überwinden, sondern versetzen die Gesprächspartner in einen veränderten Zustand der Aufmerksamkeit. Anhand von aktuellen Performance-Projekten spüren wir einem Phänomen nach, das den Rahmen der Kunst sprengt.
ERIK SANDELIN & MAGNUS THORSTENSSON: Unsworn Telecom - Sublime Telephone Services
Das Partizipationselement der Telefonie, einer Technologie, die ja (zumindest im Westen) sehr einfach zugänglich ist, steht im Mittelpunkt der Arbeit des schwedischen Kollektivs Unsworn Industries. In der Installation Ophones ensteht durch die Beiträge des Publikums über Telefonhörer eine sich stetig wandelnde Klanginstallation. Dabei ist ein Telefonhörer direkt an einen Lautsprecher angeschlossen, das Intime mit dem Öffentlichen verschränkt. In ihrer anderen Arbeit, "Telemegaphone Dale", wird der akusmatische Entzug als Effekt der telephonischen An-/Abwesenheit thematisiert. Wählt der Anrufer die Telefonnummer des "Telemegaphone Dale", so erschallt seine Stimme weit entfernt von dort, wo er anruft, über Fjord, Tal und Dorf von Dale hinaus. Nach einer Testphase im Jahr 2008 ist das Telemegaphone seit August 2009 permanent installiert. Es ist unter der Nummer +47 90 369 389 erreichbar.
EVENING LECTURE BASELCITYSTUDIOS
MATT ADAMS: You Get Me, Ulrike
Wie verbindet Telefonie Subjekte? "Blast Theory" ist bekannt für ihren verspielten Umgang mit den Mitteln zur Telekommunikation in mobilen, virtuellen wie realen, aber stets intimen Performances. Matt Adams ist Mitbegründer des vielfach ausgezeichneten Künstler-Kollektivs und wird neben Überlegungen zum Thema auch aktuelle Projekte vorstellen
PANEL V: OPTIONS OF TELEPHONE INTERACTIONS
HELI RANTAVUO: Connecting Photos: Cameraphone Photos in Mobile, Internet and Face-to-Face Communication
Photos taken with mobile phones are not used in mobile multimedia messaging only. They are embedded in mobile communication in its entirety involving text messaging and phone calls. In computer based communication, the origin of the photos as cameraphone photos fades, as they become mixed with other photos available on and through the computer and part of casual chat conversations, e-mails and web sharing. For many users, cameraphone photos are also a frequent part of their face to face encounters. This talk will present ways in which cameraphone photos are used in different communication channels and situations, and what types of social groups are formed in the process as specific people gather around particular channels. The talk proposes that in the exchange related to cameraphone photos, apart from constructing shared meanings for and through the photos, people also construct shared meanings for the technology with which they share their photos, and choose their preferred channels accordingly.
THILO VON PAPE: Kein Anschluss unter dieser Nummer? Zum Einfluss des Mobiltelefons auf die soziale Integration Jugendlicher
Das Mobiltelefon nimmt heute einen zentralen Platz in der Alltagskommunikation Jugendlicher ein. Neben Telefonie und Kurzmitteilungen werden auch E-Mails, Messaging-Dienste und webbasierte soziale Netzwerke zunehmend vom Mobiltelefon aus genutzt. Zahlreiche qualitative Studien aus der Publizistikwissenschaft und der Medienpädagogik zeigen, wie die Jugendlichen das Mobiltelefon zur Vernetzung untereinander und damit zur Herausbildung ihrer sozialen Identität verwenden. Bei aller Begeisterung über die Technologie und ihre häufig sehr kreative Aneignung durch die jungen Nutzer wird die Frage nach den sozialen Konsequenzen der Nutzung derzeit noch weitgehend vernachlässigt. Wie zur Frühzeit des Fernsehens und des Internet beginnt die Forschung erst langsam danach zu fragen, ob alle Nutzer gleichermassen von der Technologie profitieren oder ob diese im Gegenteil bestimmte soziale Klüfte noch vertieft?
Beim Mobiltelefon drängt sich ganz konkret die Frage auf, ob alle Kinder und Jugendlichen bei der kostspieligen Kommunikation per Handy mithalten können oder ob manche mit einem geringen Budget für SMS und Co aus diesem Bereich des sozialen Miteinanders ausgeschlossen bleiben – und welche Konsequenzen dies dann auf deren soziale Integration hätte? Der Vortrag geht dieser Frage nach auf Basis einer netzwerkanalytischen Datenerhebung in 16 Schulklassen.
ANDREAS BÄNZIGER: Der unerhörte Dritte - Supervision in Telefoninterviews
Trotz der expliziten Zustimmung der Befragten ist das Mithören in Telefoninterviews in doppelter Hinsicht unerhört. Erstens bleibe ich als Supervisor ungehört. Weder Telefoninterviewer noch Befragter vernehmen irgendwelche akustischen Signale, welche meine telefonische Präsenz anzeigen würden. Die reine Ankündigung, dass „ein Supervisor zur Qualitätskontrolle mithören könnte“, schafft keine fassbare (sprich: hörbare) telefonische Präsenz. Für den Befragten stellt das Telefongespräch deshalb in der Regel einen nur mit dem Interviewer geteilten virtuellen Raum dar, so dass die Supervision – trotz Einwilligung – einem unerhörten ‚Eindringen’ entspricht. Während der Interviewer sich gegenüber dem Befragten neutral geben muss, sich also grundsätzlich zurückhält, so kann das ‚Eindringen’ für mich als Supervisor eine Vielzahl von emotionalen Reaktionen mit sich bringen: Von hämischer Belustigung über den empathischen Nachvollzug bis hin zu Schamgefühlen ist mir schon alles begegnet.
Der Beitrag gibt einen Einblick in die Praxis der Supervision von Telefoninterviews, versucht die komplizierte Situation des Supervisors anhand einiger kommunikations- und medientheoretischer Überlegungen einzuordnen und anhand eigener Erfahrungen zu illustrieren.
PANEL VI: LITERATURE AND TELEPHONE
HEINZ DRÜGH: 'Tülülütüt, tülülütüt'. Zu Ingo Schulzes und Daniel Kehlmanns Erkundungen des Handys
Das Telefon ist für die Literatur ein ambivalentes Medium. Einerseits steht es gleichsam ikonisch für ´neue´ mediale Verhältnisse, die für hergebrachte Kulturträger nicht immer günstig, manchmal bedrohlich und nicht immer der literarischen Rede wert erscheinen. Ein Briefwechsel wie der zwischen Goethe und Schiller – so ein Gemeinplatz – wäre im Telefonzeitalter kaum mehr zu erwarten. Andererseits bildet das Telefon anders als Film, Fernsehen oder Videogames keine direkte Konkurrenz zur Literatur. Telefonierend kann man zwar (ärgerlich genug) nicht lesen oder schreiben. Dafür aber kann das Telefonieren der Literatur als heuristisches Hilfsmittel dienen. Denn Telefonieren verzerrt und verfremdet bestimmte Grundparameter menschlicher Existenz wie Kommunikation, Liebe, Intimität, Privatheit, Persönlichkeit oder Identität – und beweist auf diese Weise genuin poetische Qualität. Kein Wunder, dass zwei der wichtigsten deutschsprachigen Gegenwartsautoren – Daniel Kehlmann und Ingo Schulze – ihre jüngsten Erzählbände jeweils ganz prominent mit einem Telefontext eröffnen. Der Vortrag rekonstruiert und kommentiert die dort angebotene literarische Phänomenologie des Fernmündlichen.
PHILIPP SCHWEIGHAUSER: Rauschende Kommunikationen: Eine sehr kurze Geschichte der literarischen Akustik im amerikanischen Raum, 1890-1966
Eine Geschichte der literarischen Akustik verknüpft zwei Herangehensweisen an die Literatur: einerseits die Erkundung literarischer Darstellungen akustischer Phänomene, andererseits die Frage nach den gesellschaftlichen Funktionen von Literatur als einer anderen Form des Sprachgebrauchs. In meinem Vortrag liegt das Augenmerk auf der literarischen Vermittlung von noise (Rauschen, Lärm, Geräusch) im zweifachen Sinne. Einerseits ist noise wörtlich als das meist unerwünschte akustische Signal zu verstehen, das im stummen literarischen Text dargestellt wird. Andererseits benennt noise die Andersartigkeit der literarischen Kommunikation und damit zugleich ihr kulturkritisches Potential. Mit anderen Worten versuche ich Fragen der literarischen Darstellung (von noise) zusammenzubringen mit Fragen nach der sozialen Funktion von Literatur (als noise). Meine Herangehensweise ist literaturhistorisch und die besprochenen Texte stammen aus drei aufeinanderfolgenden Epochen der amerikanische Literaturgeschichte: William Dean Howells? A Hazard of New Fortunes (Realismus), Jean Toomers Cane (Moderne) und Thomas Pynchons The Crying of Lot 49 (Postmoderne).
PANEL VII: MOBILE MEDIA CULTURES
HEIKE WEBER: Das Versprechen "mobiler Freiheit": Mobilisierungen und Vernetzungen in der Geschichte von Medienportable
Castells et al. haben das Mobiltelefon kürzlich als das Vernetzungswerkzeug schlechthin in der „mobilen Netzwerk- Gesellschaft“ des 21. Jahrhunderts beschrieben. Allerdings sind portable Mediengeräte eine Erscheinung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die ubiquitäre Verfügbarkeit von technischen Medien wurde zuerst mit dem Kofferradio an der Hand massenhaft um 1960 eingeübt, und es sollten Mediengadgets wie der Kassettenrekorder und in den 1980er Jahren der Walkman und Videohandhelds folgen. Der Vortrag untersucht, inwieweit diese Medienportables bereits in den vergangenen fünf, sechs Jahrzehnten neue Freizeit-, Mobilitäts- und Sozialformen prägten und arbeitet Ähnlichkeiten, Kontinuitäten und Unterschiede zwischen der mobilen Musikhör- und der Mobilfunkkultur heraus. Die Hauptannahme ist dabei, dass das Versprechen „mobiler Freiheit“ ein Versprechen blieb: Denn der Einsatz der Medienportables ging immer auch mit Zuständen höchster Unfreiheit, Starrheit und Immobilität einher. Zugleich wird die Mitbestimmung der Nutzer an der jeweiligen Technikkultur betont.
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ERIKA LINZ: Mobile Präsenz. Das Handy auf dem Weg vom Kommunikationsmedium zur Cyborgtechnologie
Mit der Entwicklung der Mobiltechnologie und der damit verbundenen Loslösung des Telefons von einer festen Standortbindung wird die Frage nach der Lokalisierung des Mediums keineswegs obsolet. Vielmehr behält auch das Mobiltelefon seinen festen Ort. Wie die bisherigen Aneignungspraxen zeigen, wird das Handy mehr und mehr zu einem stetig mitgetragenen Utensil. Verstärkt wird diese Tendenz durch technische Weiterentwicklungen und die Implementierung neuer Zusatzfunktionen, die gleichermaßen Auslöser wie Reaktion einer fortschreitenden „Einverleibung“ des Handys in den körperlichen Nahraum sind. Zu beobachten ist hier – wie der Vortrag zu skizzieren versucht – eine wechselseitige Bedingtheit von Nutzungsgewohnheiten, technischen Innovationen und körpernaher Situierung des Mobiltelefons, die das Handy zu einem immer selbstverständlicheren Teil der Person werden lässt. Fragt man nach den Implikationen dieser personalen Verortung des Handys, so könnten die tiefgreifenden gegenwärtigen Transformationen der kommunikativen Praxen erst den Beginn einer fortschreitenden Mensch-Maschine-Symbiose markieren.
REGINE BUSCHAUER: We think we´ve got a rat in the department. Zum "Indiskreten" mobiler Medien
Mit der “Ratte” hat Martin Scorsese in “The Departed” eine Figur jenes Indiskreten in Szene gesetzt, das, nach Geoff Cooper, das Mobiltelefon kennzeichnet: Das Handy präsentiert sich, und dies nicht nur in Bezug auf den häufig beklagten Einbruch privater Telefongespräche in die Öffentlichkeit, als ein Unterwanderndes, indem es gezogene Grenzen und bestehende Ordnungen und Unterscheidungen in Frage stellt oder diese zu irritieren vermag. Ausgehend von dieser Figur lassen sich, wie im Vortrag in einzelnen Überlegungen zum „Indiskreten“ des Handys dargestellt werden soll, Konturen eines Gegenstands des Mobiltelefons und seiner Geschichte akzentuieren, in denen es auch und gerade die Grenzen des Mediums Telefon überschreitet.
PANEL VIII: GLOBALLY DIS/CONNECTED
NICHOLAS KNOUF: Transnetworks
The rhetoric of networks has entirely infiltrated contemporary discourse about digital media. Nevertheless, there is a lack of focus on the actual _infrastructure_ of the networks themselves: how different networks function as a result of different infrastructures, and what role contemporary cultural production has in conceptualizing alternative network designs. We need to focus on the proverbial (by now) "lines of flight" that makes the links between heterogeneous networks visible, but additionally breaks the networks open through acts of resistance, of the unexpected link to an alternative network. This talk will focus on recent work that foregrounds an instance of an alternative notion of network infrastructure. _Fluid Nexus_ is a mobile phone project designed to enable activists and relief workers to communicate independent of a centralized network. Considering people and mobile phones together, this project sees human and non-human assemblages as fluid and ever-forming and -breaking: people become engaged in ad-hoc networks and are enrolled as carriers of data. The project is free software, works on commodity phones, and suggests how we can use existing objects for unexpected purposes.
RICHARD WRIGHT: Social Telephony and an Aesthetics of Connectivity
Achtung: Richard Wright wird vertreten von Graham Harwood (via Skype)
Im Westen ist kaum bekannt, dass die Kriege im Kongo hauptsächlich wegen dem Metall Tantalum geführt werden, das zur Herstellung von Mobiltelefonen und Laptops unentbehrlich ist und deshalb teurer als Gold gehandelt wird. Das Tantalum Memorial, gebaut aus Telefonrelais aus den 30er Jahren, ist einerseits Anlass, auf diesen Konflikt aufmerksam zu machen und der drei Millionen Toten zu gedenken. Andererseits ist es aber gekoppelt an eine Aktion, die die kongolesische Exil- Community involviert, indem es als Schaltstelle für das Telephone Trottoir dient. Dieses lehnt sich an das traditionelle kongolesische Prinzip des „Radio Trottoire“ an, bei dem Neuigkeiten und Klatsch unzensiert auf der Strasse von Passant zu Passant weitergegeben werden. Über 1800 Personen wirken via Telefon regelmässig an Telephone Trottoire mit.
Über die letzten 8 Jahre haben die Künstler Graham Harwood, Richard Wright und Matsuo Yokokoji das Telefon dazu benutzt, um mit unterschiedlichen Menschen und Orten zusammenzuarbeiten. Entstanden sind dabei Social Telephony-Projekte wie TextFM, ARoundhead, Telephone Trottoire, Tantalum Memorial, Phone Wars und andere. Richard Wright wird in seinem Vortrag auf der Basis dieser "Social Telephony"-Projekte eine "Aesthetics of Connectivity" darlegen.
EVENING LECTURE PLUG.IN
!MEDIENGRUPPE BITNIK MIT SVEN KÖNIG: Opera Calling!
Die !Mediengruppe Bitnik hat in "Opera Calling" (2007; in Zusammenarbeit mit Sven König) das Zürcher Opernhaus mit umgebauten Mobiltelefonen verwanzt und Opern über Anrufe an zufällig ausgewählte Haushalte weitervermittelt. Die Opernhausleitung erfuhr aus den Medien von der Aktion und drohte mit Klage, die erst nach mehreren Gesprächen zurückgezogen wurde. In Opera Calling wird eine experimentelle Hacking-Aktion mit Anschluss an eine medienemanzipatorische Do it yourself-Bewegung verbunden, mit einer Referenz an die Frühzeit des Telefons, in der man Opernübertragungen via Telefon abonnieren konnte. Zudem prallt auf anschauliche Weise künstlerische Freiheit auf urheberrechtlichen Schutz.
Das Schweizer Kulturkollektiv !Mediengruppe Bitnik produziert und vermittelt künstlerische Positionen an der Schnittstelle von Medien und Gesellschaft. Schwerpunkt ihrer Arbeit bildet die kulturelle Auseinandersetzung mit digitalen und analogen Medien, wobei inhaltlich auf aktuelle gesellschaftliche Themen zurückgegriffen wird, wie Sicherheit/Überwachung, offener Wissens-Access oder Information als Ware.





